Mittwoch, 24. Juli 2013

Rezension: Die weißen Männer (Arthur Gordon Wolf)

Voodoo Press
Taschenbuch, 120 Seiten
ISBN: 978-3-902802-32-3
9,95 €

Ein kurzer Einblick

Replikanten erleichtern den Alltag, global agierende Megakonzerne beherrschen den Massenkonsum. Der Mensch  wird zur Abhängigkeit gezwungen, Konsum und Kritiklosigkeit kontrollieren das gesellschaftliche Bild. Brandon Tolliver ist anders: er geilt sich nicht an der Egalität der Gleichgültigkeit gegenüber seiner Mitmenschen auf. Als er seiner Nachbarin zu Hilfe eilt, verändert sich sein Leben. Replikanten und Killer beginnen die Jagd auf ihn, ein Feind möchte ihn zum Schweigen bringen. Für immer.

Bewertung

Die Zukunft: Du lebst in einer Welt der scheinheiligen Privatsphäre. Den Nachbarn kennst Du nicht. Der Typ von der gegenüberliegenden Straßenseite könnte entgegengesetzt zu Dir auf der anderen Hälfte der Erdkugel leben. Gleichgültig ist die moderne Uniformität. Mächtige Weltkonzerne befriedigen Dich mit Virtual Realityspielen und treiben Dir jedweden Funken kritischer Fragen konsequent aus. Die Zukunft, sie ist apokalyptisch, sie ist dystopisch, sie heißt: UMC-Zyklus.
UMC steht für United Merchandise Company. UMCs größter Wirtschaftszweig ist die Entwicklung Künstlicher Intelligenz sowie Hard- und Softwareentwicklung virtueller Realitäten. Arthur Gordon Wolf ordnet den Zyklus der mythologischen Horror-Science-Fiction zu. Lovecraft-Feeling, Replikanten im Alltag, ein düsteres Grauen, das noch keine Gestalt angenommen hat: Welchen Weg der UMC-Zyklus einschlagen wird, lässt sich nur erahnen. Viele Fragen bleiben offen, lassen regelrecht nach weiteren Erzählungen aus diesem Universum hoffen. Um »Die weißen Männer« einzuordnen, erläutert Arthur Gordon Wolf im Vorwort die grobe Rahmengeschichte des UMC-Universums. Dankenswerterweise nimmt der Autor auch zur zeitlichen Einordnung Stellung, sodass man nicht völlig ahnungslos in ein unbekanntes Setting stolpert.
Langsam führt Wolf den Leser in die Story ein, entfaltet die Welt seiner Fantasie und bringt Brandon Tolliver als sympathischen Protagonisten ein. Tolliver ist rückständig, zumindest, wenn man die Maßstäbe der Gesellschaft ansetzt. Tollivers Freundin beendet gerade per Holo-Botschaft die Beziehung, als dieser Lärm aus der Nachbarwohnung wahrnimmt. Wäre Tolliver sozial kompatibel, würde er den Krach ignorieren. Doch Tolliver eilt der älteren Dame zu Hilfe, deren Replikant der UMC die betagte Frau angreift. Eine Fehlfunktion oder das Virus, das unerklärlich und unaufspürbar Software auf der ganzen Welt befällt? Nach heutigen Normen verhält Tolliver sich menschlich. Vielleicht wächst er just deswegen ans Herz, gewinnt ihn lieb.
Bürger sind ein unwichtiger Bestandteil, haben lediglich in der Maschinerie der Konzerne zu funktionieren, um Einnahmen zu produzieren. Konkurrenzlose Weltmacht ist das Gebot der Stunde. Doch unsichtbar, vor den (bezahlten?) Medien vertuscht, herrscht ein unsichtbarer Krieg zwischen den Konzernen und einem nicht greifbaren Feind. Aussteiger aus der Gesellschaft haben die heimliche Unterwanderung entdeckt und führen einen Untergrundkrieg. Tolliver soll sich schon bald dieser Gruppierung anschließen.
Arthur Gordon Wolf kreiert von Beginn an einen Spannungsbogen, der bis zum Schluss bestehen bleibt. Weniger Seiten, dafür eine straffere Handlung? Wie auch immer, das Erzähltempo ist hoch, die Spannung knackig, die Welt reizvoll gestaltet. Der Erzählstil ist zum Setting passend düster gehalten, die Szenerie ausgeprägt. Dem Kopfkino steht wenig im Wege. Wenn des Nachts Jogger durch einen finsteren Park laufen, die an leuchtende Christbäume erinnern, bleiben vielleicht nicht die Schlüsselszenen in Erinnerung, aber die Novelle durch einfallsreiche Einschübe.

Fazit

Schimmert da Sozialkritik einer medial abhängigen Gesellschaft durch? Bestimmt! »Die weißen Männer« ist eine feine Horror-SF-Novelle, die als Vorspeise durchgeht, aber das Hauptgericht missen lässt. Da bleibt nur zu hoffen, dass alsbald Nachschub geliefert wird, denn der UMC-Zyklus hat Potential.

3,8 von 5 Punkten

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