Sonntag, 19. März 2017

Rezension: Follower (Eugen Ruge)

Rowohlt
Hardcover, 320 Seiten
ISBN: 978-3-498-05805-0
22,95 €

Ein kurzer Einblick

Nio Schulz ist im Jahr 2055 in HTUA-China unterwegs, um das neue Projekt der Firma, für die er arbeitet, zu vermarkten: „true barefoot running“. Obwohl Schulz‘ Leben für diese Zeit „fortschrittlich“ ist und er völlig durch Big Data sowie die ständige Information geprägt ist, hat er Angst, nicht weiter Schritt zu halten. Auf dem Weg zu seinem Geschäftstermin verschwindet er schließlich vom Radar der Überwachungsbehörden…


Bewertung

Eugen Ruges „Follower“ trägt den Untertitel „Vierzehn Sätze über einen fiktiven Enkel“. Dies drückt sehr gut die Linie des Romans aus. Er handelt einerseits von dem in der Zukunft, im Jahr 2055, lebenden Enkel von Alexander Umnitzer, den die Leser von Eugen Ruge bereits aus seinem mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Werk „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ kennen. Andererseits gelingt es Ruge in diesem Werk die Schnelllebigkeit der Zukunft durch unaufhörliche Sätze auch stilistisch zu untermauern. Nio Schulz ist ein Getriebener. Er versucht, mit allen Entwicklungen Schritt zu halten, die auf ihn einströmenden Informationen aufzusaugen und das anzuerkennen, was sich als gesellschaftliche Konvention etabliert hat. Doch die Welt hat sich so sehr verändert, dass dies mit einer überfordernden Anstrengung einhergeht.
Eugen Ruge zeichnet in „Follower“ ein Bild der Zukunft, das auf Grundlage unserer heutigen Entwicklungen durchaus als eine mögliche Realität erscheint. Die Digitalisierung macht die Bevölkerung zu „gläsernen Menschen“. Da mittlerweile nicht nur Smartphones und Laptops, sondern auch Brillen mit dem Internet verbunden sind und man sich sogar Chips einpflanzen lassen kann, die das eigene Verhalten steuern, können die Behörden jeden Schritt jeder Person nachvollziehen. Dies zeigt sich eindrucksvoll an den Auszügen aus den Ermittlungen, die gegen Nio Schulz und damit auch gegen all diejenigen, mit denen er im Kontakt steht, aufgenommen werden.
Doch auch die Gesellschaft hat sich im Jahr 2055 entscheidend verändert. Eugen Ruge malt hier ein interessantes Zukunftsszenario, das die Debatten über gesunde und moralisch „richtige“ Ernährung und Gender ad absurdum führt. Die Genderdebatte hat dazu geführt, dass es nicht mehr nur zwei Geschlechter gibt, man sein Geschlecht regelmäßig wechseln kann und dies den Sprachgebrauch entscheidend verändert hat. Auch die Fortpflanzung funktioniert nicht mehr so, wie wir es kennen. Die Weiterentwicklung der Gentechnik hat dazu geführt, dass „gutes Genmaterial“ ausgemacht werden kann, weshalb priorisiert auf Samen bestimmter Bevölkerungsgruppen zurückgegriffen wird. Überhaupt spielen die „Eltern“ bei der Austragung des Kindes eine weniger wichtige Rolle. Dies wird nun von Leihmüttern übernommen, und sogar Männer können Kinder austragen. Wir erleben also ein Zukunftsszenario, in dem diese wohl persönlichste Erfahrung durch Optimierungs- und Marktdenken geprägt ist.
Dem gegenüber steht, dass Eugen Ruge in „Follower“ die Familiengeschichte weiterführt, die er in „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ begonnen hat. Doch auch wenn er in einer Art Exkurs die Familiengeschichte der Umnitzers rekapituliert und dem zukünftigen Familienleben entgegenstellt, erinnert Nio Schulz‘ Geschichte doch an das Schicksal von Thomas Manns „Buddenbrooks“. Dies zeigt jedoch auch eindrücklich auf, zu welch absurden Konsequenzen das führen kann, was bereits in unserer heutigen Zeit begonnen hat.

Fazit

Eugen Ruge malt in „Follower“ ein Zukunftsszenario auf Grundlage dessen, wie wir heute bereits leben. Vieles scheint absurd, doch lässt es den Leser über die Konsequenzen der Digitalisierung, des Optimierungswahns, der Vermarktlichung und des menschlichen Miteinanders neu nachdenken. Dies alles hat Ruge gekonnt stilistisch in einem abwechslungsreichen Werk vereint.

4,5 von 5 Punkten

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