Mittwoch, 17. Mai 2017

Rezension: Schweinebande! (Franz Josef Voll)

Ludwig Verlag
Paperback, Klappenbroschur, 288 Seiten
ISBN: 978-3-453-28087-8
16,99 €

Ein kurzer Einblick

In den letzten Jahrzehnten wird Fleisch – im Gegensatz zu den meisten anderen Lebensmitteln – immer billiger und die Fleischindustrie verdient trotzdem Milliarden. Wie dies vonstatten geht, das stellt Franz Josef Voll in seinem Buch eindrucksvoll heraus. Er arbeitete in beinahe allen Bereichen der Fleischbranche, als Metzger, kurze Zeit im Schlachthaus, als Lebensmittelkontrolleur, schließlich im Team Wallraff, das die Machenschaften der Fleischindustrie aufdeckt. All seine Erfahrungen kumulieren in diesem schockierenden Insiderbericht, der jedem noch so vertrauensseligen Konsumenten den Appetit verderben dürfte…

Bewertung

Direkt vorneweg: Ich ernähre mich seit vielen Jahren vegetarisch, wenn nicht, würde ich dies definitiv spätestens nach der Lektüre dieses Buches tun. Trotzdem enthält dieses Werk keinen Appell für kompletten Fleischverzicht, auch der Autor ernährt sich weiterhin nicht vegetarisch und möchte auch niemandem seine Ernährungsweise vorschreiben. Er zeigt uns nur, was wir mittlerweile meist zu uns nehmen, wenn wir Fleisch und Wurst konsumieren. Was wir aufgrund dieser Informationen machen oder ändern, dem steht er relativ neutral gegenüber, auch wenn er natürlich uns als Verbraucher aufwecken möchte.
Dies geschieht, indem er uns chronologisch von seinen Erlebnissen in der Fleischbranche erzählt, beginnend mit seiner Metzgerlehre im Jahr 1969, wo bereits auch schon getrickst wurde, was die Zubereitung der Wurst anging, wenn auch wesentlich appetitlicher als heutzutage. Es folgt der Siegeszug der Fleischindustrie, der in den 1970er Jahren einsetzte und mit immer extremeren Kosteneinsparungen, Gewinnmaximierung auf Kosten der Qualität und ohne Rücksicht auf Tier und Mensch einhergeht, jeden verwertbaren Dreck noch in der Wurst verarbeitet, die Tiere in Massen leben und schlachten lässt, was Krankheiten entstehen lässt, und die kleinen Metzgereien sukzessive in den Ruin treibt. Voll wechselt kurz ins Schlachthaus, verlässt dieses jedoch aufgrund des hohen Alkoholkonsums schnell wieder, der einzig die Arbeiter ihre Tätigkeit aushalten lässt, um schließlich in der Hoffnung, die Machenschaften der Industrie bekämpfen zu können, Lebensmittelkontrolleur zu werden. Spätestens hier verzweifelt man als Leser vollends, wenn man erfährt, wie machtlos die Lebensmittelkontrolleure gegen die großen Konzerne, unterstützt durch die Politik, in Wirklichkeit sind. Sie scheinen einzig dafür da zu sein, uns Verbraucher in Sicherheit zu wiegen, was die Qualität der Produkte angeht. Schockierend waren vor allem die Kapitel über BSE. Zuletzt wird Volls Arbeit im Team Wallraff sehr ausführlich geschildert, wie er undercover zahlreiche Skandale aufdeckt und etwa auf Fleischmessen recherchiert.
Nach der Lektüre blieb ich etwas hilflos und ratlos zurück. Für mich als Vegetarier stellt sich zwar die Frage nicht mehr, doch trotzdem überlegte ich, was kann ich denn als Verbraucher tun, wenn ich diesen Dreck, den die Fleischindustrie mir vorsetzt, nicht zu mir nehmen möchte? Es werden schließlich nicht alle Menschen plötzlich Vegetarier werden oder werden wollen. Deshalb hätte ich mir, etwa anstelle der langen Schilderungen der Recherchen des Team Wallraffs, mehr nützliche Tipps für Konsumenten im Buch gewünscht. Ich würde nicht mehr wissen, was ich noch essen soll. Die meisten Metzger verkaufen auch Industriewurst, immer mehr von ihnen müssen zudem ihr Geschäft aufgeben, Biofleisch sei laut des Autors auch nicht viel besser. Leider führt er dies nicht aus und stützt es auch nicht mit Zahlen und Belegen. Vegetarische Ersatzwurst ist natürlich auch keinen Deut besser und natürlich auch keine Alternative, wenn man weiterhin Fleisch essen möchte. Deshalb wären konkrete Angaben dazu, was ich als Konsument tun kann, sehr hilfreich gewesen.

Fazit

Voll ist ein enorm schockierendes und aufrüttelndes Buch gelungen, das die raffgierigen und appetitlosen Machenschaften einer Industrie aufzeigt, die bei ihrem ewigen Streben nach mehr Gewinn jede Form von Anstand und Verantwortung für das Produkt, das sie den Verbrauchern anbietet, verloren hat. In meinen Augen ist eine Unterstützung solcher Machenschaften durch den Kauf solcher Produkte nicht zu verantworten, doch da möge sich jeder selbst ein eigenes Bild machen. Wirklich jeder, der Fleisch und Wurst konsumiert, sollte dieses Buch unbedingt lesen!

4 von 5 Punkten


Wir danken dem Ludwig Verlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

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