Freitag, 9. Juni 2017

Rezension: Diverse Töne Rot; -Borderline - und nach außen alles normal (Sanny Regen)

Starks-Sture
Taschenbuch, 168 Seiten
ISBN: 978-3939586258
11,90 €

Ein kurzer Einblick

Sanny Regen ist krank, aber ihre Krankheit sieht man ihr nicht sofort an. Ihre Narben liegen auf der Seele und auf Hautabschnitten, die man gut verstecken kann. Ihr Leben besteht aus Schwarz und Weiß, Grautöne existieren nicht. Und Rot, diverse Töne Rot, gekennzeichnet durch Blut, das immer wieder an die Oberfläche dringt. Sanny beschließt, dass es so nicht weitergehen kann. Die Stimme in ihrem Kopf wird sonst zu stark und sie beschließt, ihr Schweigen zu brechen. Daraus ist dieses Buch entstanden.

Bewertung

Dieses Buch zu bewerten, fällt mir nicht gerade leicht. Sanny Regen leidet an einer Störung der Affektregulation, auch Borderline genannt. Ihr fällt es schwer, ihre inneren Gefühlszustände zu kontrollieren. Die innere Anspannung kann dann so groß werden, dass sie sich in Selbstverletzung entlädt.
Die Vergangenheit von Sanny wird aus der Ich-Perspektive erzählt, die Gegenwart aus der Perspektive der dritten Person. In dieser Erzählung schreibt Sanny ein Buch über ihr Leben. Es ist dieses, was der Leser nun in den Händen hält.
Während des Lesens haben mich zwei Emotionen begleitet. Trauer und Wut: Wut auf Sannys Vater, der eine absolut krude Weltansicht hat und mit seinem barbarischen und tyrannischen Verhalten Sannys Weg in die Störung ebnete; Trauer darüber, dass sich dieser Weg nicht hat aufhalten lassen und dass es trotz einiger Anzeichen und unglücklichen Umständen keinem gelungen ist, diesen Kreis früher zu durchbrechen oder sich Hilfe zu holen. Das Verhalten von Sannys Mutter löste in mir auch eher Traurigkeit als Emotion hervor: Sie war unfähig, ihrer Tochter beizustehen und sich gegen den Vater aufzulehnen, um ihre Kinder zu beschützen. Sie verfällt selbst in Depressionen, oder driftet in eine Art Manie ab.
Sanny schildert mit ruhigen Worten ihr Leben und bietet dem Leser dabei tiefe Einblicke. Auch ihre eigenen Verfehlungen offenbart sie schonungslos. Sie will nicht als gutes Mädchen dastehen, sondern als die, die sie ist und was sie ausmacht. Und das ist nicht nur die Borderline-Störung, dazu gesellen sich noch andere Traumata, die für sich alleine schon schwer zu (er)tragen sind und es schwierig machen, ein halbwegs normales Leben damit zu führen.
Manche Szenen, die Sanny schilderte, bereiteten mir beim Lesen Übelkeit. Insbesondere die Übergriffe ihres Vaters und seine ganzen Machtspiele gegenüber der gesamten Familie und natürlich einige daraus resultierenden Sachen, waren schwer zu ertragen. Mit am schrecklichsten fand ich die Szene, als eine Mitschülerin von Sanny gequält wurde und ihr Kiefer auf die Bordsteinkante gelegt wurde. Dann wurde ihr ein Tritt in den Nacken gegeben. Genauso eine Tat passiert auch in dem Film „American History X“, die ich damals beim Sehen des Films auch nur schwer verdauen konnte.
Schrecklich ist eigentlich ein gutes Wort, was das Buch auch an sich gut beschreibt. Das sowas überhaupt passiert, ist schrecklich und wer sich nicht schon einmal mit solchen Störungen auseinandergesetzt hat, dürfte beim Lesen etwas überfordert sein und schnell aus seiner heilen Welt hinausgerissen werden.
Noch ein paar Worte zum Cover, Titel und Pseudonym der Autorin. Auf dem Buchcover trägt die Frau eine Maske. Meinem Empfinden nach repräsentiert die Maske das Verstecken von sich selbst, da die Menschen um einen herum ja nicht mitbekommen sollen, dass man anders ist.
Das Semikolon im Titel stammt wahrscheinlich aus dem Projekt „The Semikolon Project“, welches Menschen mit mentalen Problemen, darunter auch das Borderline-Syndrom, helfen möchte.
Das Pseudonym Sanny Regen finde ich für diese Autobiografie gut gewählt. Sanny (Sunny) und Regen, Sonne und Regen, zwei Gegensätze, die aber doch zusammengehören.

Fazit


„Diverse Töne Rot;“ verlangt dem Leser einiges ab. Nicht immer ist die Geschichte, die Sanny Regen niedergeschrieben hat, gut zu ertragen. Die verschiedensten Emotionen kochen in dem Leser hoch. Auch nach Beendigung des Buches bleibt es einem noch länger im Gedächtnis. Wer sich für das Borderline-Syndrom interessiert und so gesehen einen Erfahrungsbericht aus erster Hand haben möchte, der sollte dieses Buch lesen. Eindringlicher kann man es nicht wiedergeben.
Da es eine sehr emotionale Autobiografie ist, die sich mit einem schwierigen Thema auseinandersetzt, möchte ich hier keine Punkte vergeben.



Wir danken dem Projekt "Blogg dein Buch" und dem "Starks-Sture Verlag" für das bereitgestellte Rezensionsexemplar. Das Buch kann direkt über die Verlagshomepage bestellt werden.

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