Sonntag, 13. August 2017

Rezension: Americanah (Chimamanda Ngozi Adichie)

Fischer
Taschenbuch, 605 Seiten
ISBN: 978-3-596-18598-6
9,99 €

Ein kurzer Einblick

Ifemelu und Obinze lernen sich in der Schule in Nigeria kennen und lieben. Doch dann erhält Ifemelu die Möglichkeit, in den USA zu studieren und Obinze kann sie nicht begleiten. Ihre Wege trennen sich und Obinze landet schließlich nicht in den USA, sondern in England, als illegaler Einwanderer. Doch beide verschlägt es nach Jahren schließlich wieder nach Nigeria, doch in der Zwischenzeit ist wie geschehen…

Bewertung

Chimamanda Ngozi Adichies Roman „Americanah“ überzeugt durch einen erfrischend lockeren Schreibstil, der den Leser quasi über die Seiten fliegen lässt, und zugleich sehr gut zur Geschichte dieses jungen Paares passt. Der Leser erfährt eine moderne Liebesgeschichte, die zum aktuellen Lebensgefühl junger Menschen passt. So wird Ifemelu nicht nur Bloggerin, sondern Facebook wird auch wie ganz selbstverständlich genutzt, um Informationen über andere Personen einzuholen.
Obwohl der Roman in Nigeria beginnt und ein großer Teil der Handlung dort spielt, ist es doch kein klassischer Roman über afrikanisches Leben. Vielmehr wird deutlich, wie stark die jungen Erwachsenen in Nigeria durch das westliche Leben geprägt sind und es anstreben, so wie dort zu leben bzw. dort zu leben. Hier wird ersichtlich, wie sehr Länder wie Nigeria darunter leiden, dass ihre gut qualifizierten jungen Leute in die USA oder nach England ziehen. Im Land bleiben vor allem diejenigen, denen ein Leben im Ausland nicht gelingt oder die nicht die Ressourcen besitzen, ein Leben dort zu versuchen. Der Leser erlebt hier, wie eine Generation gespalten wird und kann hauptsächlich ein westliches Leben mitverfolgen, das ihm gut bekannt ist.
Doch dadurch, dass Chimamanda Ngozi Adichie Ifemelu und Obinze weite Teile des Romans in den USA bzw. England verleben lässt, wird noch eindringlicher das große Thema des Romans deutlich: der Rassismus der Weißen gegenüber den Schwarzen. Mit dieser Konstruktion gelingt es ihr, nicht nur den Rassismus der weißen Amerikaner gegenüber andersfarbigen Amerikanern, sondern auch gegenüber Schwarzen insgesamt zu verdeutlichen. So weist nicht nur Ifemelu selbst mit ihren im Roman abgedruckten Blogbeiträgen immer wieder auf das implizite rassistische Verhalten hin, sondern im Roman erfährt der Leser eine Vielzahl von Beispielen, angefangen bei der Suche nach Jobs.
Chimamanda Ngozi Adichie verbindet diese Frage geschickt mit der Frage nach Identität, auch unter dem Fokus einer langen Abwesenheit vom Heimatland. So wird dem Leser mittels Fragen nach Frisuren oder Kleidung deutlich, worüber Identität entsteht. Dabei wird auch aufgezeigt, wie sich Widersprüche in der eigenen Identität und die Wahrnehmung der eigenen Person negativ auf viele Menschen auswirken. Es ist eine Kunst, dass es Chimamanda Ngozi Adichie gelingt, alle diese Facetten in einem Roman über zwei Liebende zu verpacken. Ab und zu hat der Leser jedoch das Gefühl, dass er mit Beispielen erschlagen wird und die Handlung dafür wenig vorangeht. Neben der Tatsache, dass häufig sehr lange negative Erfahrungen beschrieben werden, ungewöhnliche, positive Dinge dagegen sehr häufig zufällig passieren und nicht entwickelt werden, ist dies jedoch das einzige Manko des Romans.

Fazit

„Americanah“ ist ein Roman, der anregt, über versteckten Rassimus und Identität nachzudenken. Der Leser erfährt viele Beispiele von Identitätsproblemen und wie sich die westliche Lebensweise auf die junge Generation in Nigeria niederschlägt. Dies alles ist verpackt in einer spannenden modernen Liebesgeschichte, die erfrischend erzählt wird.

4 von 5 Punkten


Wir danken dem Fischer Verlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen